Abiturienten-Schwemme hat ihren Zenit überstiegen – die Spuren bleiben

Die große „Abiturienten-Welle“ aus den Jahren 2010/2011 ist vorüber; zumindest hat sie trotz einiger Nachwehen ihren Zenit überschritten. Ursache für die damals ungewöhnliche Konstellation war die von G9 auf G8 verkürzte Schulzeit. Als hätte man’s nicht gewusst, machten plötzlich zwei Jahrgänge gleichzeitig ihre Abschlüsse und bevölkerten die Universitäten oder starteten trotz Hochschulqualifikation eine Ausbildung. Wissenden Auges hatten die Bildungsplaner eine Lawine mit vorhersehbaren Folgen losgetreten. Zeitgleich gab es die doppelte Anzahl von Schulabgängern ohne wirkliche Orientierung für ihre Zukunft. Stellvertretend für die nachfolgenden Generationen machte sich bei den Schulabsolventen eine spezielle Stimmung breit, die deutliche Auswirkungen auf den Arbeits- und Ausbildungsmarkt hatte und hat:

Die Flut der komprimierten Bildung im zweiten Stepp kaum beherrschbar

Aus der Abiturientenflut entstand nur folgerichtig auch eine Studentenflut. Mit der entsprechenden Qualifikation in der Tasche wollten die ehemaligen Schüler nun auch die intellektuelle Campusluft schnuppern. Das Bildungswesen hatte eine komplexe Problematik zu stemmen, auf die es schlichtweg nicht vorbereitet war. Wie auch, eine wirklich stimmige Antwort gab es nicht. Nur aus dem lapidaren Grund, weil es in einem Jahr etwa doppelt so viele Schulabgänger mit Hochschulreife gab, konnten natürlich die personellen und räumlichen Kapazitäten der Universitäten nicht verdoppelt werden. Ganz simpel will das sagen: Rein rechnerisch hätten doppelt so viel Lehrkräfte an den Hochschulen eingestellt und die Räume wie mit einem Lego-Baukasten mal eben verdoppelt werden müssen. Allerdings nur auf ein Jahr befristet. Undenkbar, weil weder finanziell noch personalpolitisch oder logistisch umzusetzen. Die Antwort auf die Flut waren Sandsäcke in Form von angehobenem Numerus Clausus oder Absagen wegen Überfüllung der Studiengänge.

Ein Bildungsruck mit der Frage der Sinnhaftigkeit am Ausbildungsmarkt

Unter dem Strich bekamen viele Abiturienten keinen Studienplatz oder mussten sich per Wartesemester noch ein wenig gedulden. Durchaus fragte sich der eine oder andere, weshalb zunächst die Schulzeit mit komprimierten Lehrstoffen und zwangsläufig höherem Druck um ein Jahr verkürzt wird, um anschließend ein oder mehrere Jahre in der Warteschleife zu verbringen. Schließlich wurden die Lehrinhalte in der gymnasialen Oberstufe allenfalls rudimentär reduziert, stattdessen einfach in eine kürzere Zeit gequetscht. Hätte ja auch durchaus entspannter sein können. Dass Schul- und Lernstress das Gegenteil von Lebensqualität bedeuten, ist schließlich keine allzu neue Erkenntnis. Musste und muss das wirklich sein? Die Politik sagte „ja“ – auszubaden hatten und haben es nicht nur die Gymnasiasten. Denn durch die Abi-Schwemme ohne Aussicht auf einen baldigen Studienplatz waren natürlich auch Abgänger anderer Schulformen betroffen, und zwar ganz direkt.

Die Profilanforderungen für Ausbildungsplatzbewerber haben sich gefühlt verändert

Zumal Zukunft genau jetzt stattfindet und nicht einfach wegen fragwürdiger Entscheidungen aufhört zu existieren, mussten die Leerläufer nach einer Perspektive suchen. Also konzentrierten und bewarben sich viele von ihnen auf traditionelle Ausbildungsberufe. Die Ausbildungsbetriebe nahmen dieses Angebot dankend an. In der Folge bedeutete das, dass viele Ausbildungsplätze, für die bis dato ein Realschul- oder ein Hauptschulabschluss als Einstellungsvoraussetzung vollkommen ausreichend war, durch die höher qualifizierten Abiturienten besetzt wurden. Und es ging noch einen stirnrunzelnden Schritt weiter: Wenngleich kaum irgendwo wirklich festgeschrieben, änderten sich die Ausbildungs- und Stellenprofile. Gefühlt war das Abitur mittlerweile nahezu eine Grundvoraussetzung, um wirklich eine der Wunschausbildungen zu bekommen.

Der Run auf die zukunftsorientierten Ausbildungsberufe hat begonnen

Insofern hat bei vielen Schulabgängern mit Hochschulreife ein Umdenkprozess eingesetzt. Da heutzutage ein Studienabschluss immer noch eine anerkannte Qualifikation ist, aber kaum eine Garantie dafür, mit dem Bachelor oder Master in der Tasche auch wirklich einen Arbeitsplatz zu erhalten, fokussieren sie sich vermehrt auf handwerkliche, kaufmännische oder pflegerische Ausbildungsberufe. Nicht jeder Mensch muss studieren, weshalb auch. Besonders beliebt und perspektivreich sind gegenwärtig Lehrstellen im Bereich der erneuerbaren Energien oder in der grenzüberschreitenden Logistik. Wer es zum qualifizierten Abi oder Fachabitur geschafft hat, für den ergeben sich hier beste Chancen. Allerdings heißt es auch hier wieder: Alles konzentriert sich auf die beliebtesten Wunschberufe. Gerade bei den weniger angestrebten Ausbildungs- und Stellenprofilen suchen die Arbeitgeber händeringend nach Nachwuchs. Wenngleich es paradox klingen mag: Immer noch sind Jahr für Jahr Tausende von Ausbildungsplätzen unbesetzt.

Informieren abseits des Mainstreams – die Basis für die eigene Zukunft

Unter dem Strich steht bei der Stellensuche, dass es durchaus hilfreich sein kann, den eigenen Tellerrand eine Portion breiter zu machen. Im für viele unschönen Wettbewerb auf dem Ausbildungsmarkt macht es wenig Sinn, genau die eine Stelle haben zu wollen, für die viele andere sich möglicherweise besser empfehlen. Möglichkeiten sind vorhanden, allein die Zahlen der Bundesanstalt für Arbeit und der Industrie- und Handelskammern sprechen Bände. Wer sich bewerben möchte, sollte sich möglichst nicht auf Lifestyle-Argumente einlassen. Sinnvoller ist es, sich ganz bodenständig über die verschiedenen Angebote zu informieren, die eben nicht permanent in den Medien präsent – weil angesagt – sind. Mag sein, dass es schlussendlich nicht auf den hundertprozentig zu den eigenen Interessen passenden Ausbildungsberuf hinauslaufen wird. Aber – ganz ehrlich – es ist immer noch besser einen Arbeitsplatz mit kleinen Abstrichen zu haben als gar keinen.

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