Klartext oder sprachliches Nirwana – ein Ausflug in die Wirtschaftssprache

Nicht nur die Management-Ebenen haben bisweilen ein sprachliches Problem, ohne es zu bemerken. Das Phänomen findet sich auch auf anderen Hierarchiestufen: Es existieren in der Wirtschaftssprache derart viele fragwürdige Spezialausdrücke, dass sie im Endeffekt nur für eines sorgen: Unverständlichkeit. Obwohl man sich doch besonders kompetent präsentieren wollte, steht unter dem Strich ein Bruch innerhalb der Kommunikation. Dabei sollte das grundlegende Ziel der Kommunikation doch eigentlich sein, dass die Kernaussage vom Gegenüber auch unmissverständlich aufgenommen wird. Die Sprachverwirrung sollte schnellstens entzerrt werden. Eine Frage der Selbstreflektion:

Wenn die Fachleute zu stammeln beginnen

Verständliche Ausdrucksweise kann ganz schön kompliziert sein. Das Problem ist und bleibt, dass Menschen mit absoluter Kernkompetenz ihre Informationen an diejenigen vermitteln müssen, die über das Fachwissen eben nicht verfügen, weil es nun mal nicht ihr Job ist. Komplexe Zusammenhänge, beispielsweise aus dem Ingenieurswesen, sollen vielleicht den kaufmännischen Mitarbeiter erläutert werden. Wie soll das gehen, wer hat schon einen implantierten Sprachübersetzer, mit dem er sich auf dieses vermeintlich niedrigere Niveau begibt. Man hat sich doch nicht deswegen in seiner Fachrichtung spezialisiert, um nun wieder in den Kindergarten zu gehen. Exakt das ist das Problem der Fachtermini: Nur wer Fachausdrücke auch übersetzen kann, ist imstande die dahinterstehende Vision zu vermitteln. Alles andere verpufft, einfach so.

Phrasendrescherei mit Bedeutungsfaktor

Das allerdings ist nur eine winzige Facette der Wirtschaftssprache. Abstruser wird es mit den gekünstelten Phrasen in der ganz normalen Unterhaltung. Dort sind Ausdrücke zu vernehmen wie „an die Börse gehen“. Wo geht’s denn lang bitte und wie weit ist der Weg? Interessant ist es auch „auf dem Parkett“. Ein Statement, das letztlich etwas ganz Anderes meint. Oder wie wär’s mit der „höchsten Priorität“, die ganz einfach nur sagen will, wie wichtig ein bestimmter Punkt ist, oder mit dem „breiten Spektrum“? Zu einem kleinen Stirnrunzeln verleitet auch der Ausdruck „auf der Tagesordnung stehen“: Wo liegt sie denn rum und warum soll man sich daraufstellen? Was bitte ist „schwarzes Geld“ und wenn warum klebt man das „Loch in der Staatskasse“ nicht einfach dicht.

Eine Frage der Eitelkeit

Leicht könnte man diesen Artikel mit lateinischen Ausdrücken zu den verwendeten Wörtern und zur außergewöhnlichen Grammatik füllen. Allein: Es würde den Wunsch nach Verständlichkeit wieder auf den Kopf stellen. Fragen wir uns lieber nach den Gründen für diese Art, mit der Sprache umzugehen. Zunächst ist darin der Versuch zu erkennen, dass Menschen sich selbst besonders gebildet darstellen wollen, um auf diesem Wege ihre natürliche Autorität zu untermauern. Wer sich ganz selbstverständlich mit Worten schmückt, für deren Verständnis andere erst im Fremdwörterlexikon blättern müssen, beeindruckt. Allerdings nur angeblich oder eher nicht.

Wirkungsvolles Instrument der Abgrenzung

Dabei handelt es sich bei der Wirtschaftssprache nicht nur um eine personenbezogene Ausdrucksweise. Ganze Unternehmen und auch Branchen ziehen sich damit in sich zurück. Und das im wahrsten Sinne des vielzitierten Wortes: Wie ein Fußballverein seine eigenen Trikotfarben hat, haben die Branchen ihre eigenen Ausdrucksweisen. Sie machen sich damit eigenständig und geben sich ein gefühlt unantastbares Profil. Auf psychologischer Ebene wird das zugleich als Schutzfunktion verstanden. Man gibt sich die Geborgenheit eines eingeschworenen, kumpelhaften Haufens. Alle stehen zusammen. Andere kommen hier nicht rein. Im Ergebnis macht sich das Unternehmen allerdings auch zu einem gewissen Teil unnahbar und verzichtet auf mögliche branchenübergreifende Zusatzumsätze.

Verständnis und Akzeptanz haben mit Verstehen zu tun

Die Vermutung liegt nahe, dass die Normalbürger die Ziele der einen oder anderen Branche besser nachvollziehen würden und damit einverstanden wären, wenn von Anfang auf unsägliche Fachausdrücke verzichtet wird. Ein CEO dürfte dann gerne noch ein Geschäftsführer sein, ein Facility-Manager Window-Cleaning könnte auch auf die Bezeichnung Fensterputzer durchaus stolz sein. Warum heißt ein Konnossement nicht einfach Schiffsfrachtbrief? Gerade in der sich verändernden Welt müssen Unternehmen auch grenzüberschreitend um Vertrauen werben – das geht nur mit Klartext.

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